Привет Обернкирхен, тебе пришло письмо из Киева! *

Привет Обернкирхен, тебе пришло письмо из Киева! *

* Das ist Ukrainisch für: Hallo Obernkirchen, Du hast Post aus Kiew!

Die Briefeschreiberin

Katharina Binhack, 40, lebt seit Juni 2013 in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine (2,8 Millionen Einwohner). Mit ihrer Familie wohnt sie nahe des Maidan-Platzes (=Unabhängigkeits-Platz).

Die Stadt

Ende November 2013 zogen Demonstranten erstmals zum zentral gelegenen Maidan-Platz. Die ukrainische Regierung unter Viktor Janukowitsch hatte sich geweigert, ein Abkommen mit der Europäischen Gemeinschaft zu unterzeichnen. Die Bilder der Kundgebungen, der Kämpfe und der rund 100 Toten gingen um die Welt. Am 22. Februar 2014 drängte das ukrainische Parlament auf Druck der Bürger Präsident Janukowitsch aus dem Amt.

Im Kern dreht sich der Konflikt um die Frage, ob die Ukraine ihre Zukunft in der Europäischen Gemeinschaft oder an der Seite Russlands sieht. Russland hat sich im März die ukrainische Halbinsel Krim einverleibt. Im eher russlandfreundlichen Osten der Ukraine ist es dieser Tage sehr viel unruhiger als im EU-freundlicheren Kiew.

Derzeit ist in der Ukraine eine Übergangsregierung unter Präsident Alexander Turtschinow im Amt, die nicht von allen Ukrainern im Osten anerkannt wird. Am 25. Mai 2014 wählt die Ukraine einen neuen Präsidenten.

Der Brief

Mitten im tiefsten Winter stand plötzlich dieses Klavier auf dem Maidan. Bei minus 20 Grad spielten berühmte Musiker und Aktivisten „Let It Be“ von den Beatles, „Imagine“ von John Lennon, Chopin oder die ukrainische Nationalhymne. Das in den Landesfarben Blau und Gelb angestrichene Klavier stand zwischen den Fronten – auf der einen Seite Anhänger der Janukowitsch-Regierung, auf der anderen Seite Zehntausende Ukrainer, die für ein freies, demokratisches Land demonstrierten. Das Klavier als „Friedenspanzer“: Für mich ist es das Symbol der Volksrevolution. Immer noch steht es auf der „Kreschatik“, der vierspurigen Prachtstraße, die direkt zum Maidan führt.

Auch heute bleibt das blau-gelbe Klavier nicht stumm. Die Menschen spielen darauf, um daran zu erinnern, dass sie für ein friedliches und geeintes Land einstehen, jeden Tag und jede Nacht. Die Zeltstadt auf dem Maidan, die durch die Weltnachrichten ging, ist geschrumpft. Die Bewohner wollen allerdings auf jeden Fall bis zur Präsidenten-Wahl am 25. Mai durchhalten – wenn es sein muss, noch länger.
Wenn sie die heutige Stimmung in Kiew beschreiben, sprechen Journalisten gern von „angespannter Ruhe“. Ich finde, dass man das ruhig drastischer ausdrücken sollte: Die Menschen haben Angst vor einem Krieg.

 

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