Schütze Arsch und Admiral Lametta – Zwei Obernkirchner im Ersten Weltkrieg (1914 – 1918)

Vor mehr als 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Strull & Schluke zeigt am Beispiel zweier Biografien, wie das große Gemetzel in den Alltag der Menschen eingegriffen hat. Beide Männer sind in Obernkirchen geboren und könnten doch unterschiedlicher nicht sein: Karl Abel, Kommunist, und Reinhard Scheer, Flotten-Admiral.

In dieser Folge beleuchtet Gerhard Radtke, wie die beiden durch das Jahr 1916 gekommen sind. 2017 werden wir Abel und Scheer durch das Jahr 1917 begleiten, 2018 durch 1918.


Wer vor der 1916er Folge nochmal nachlesen will, was Karl Abel und Reinhard Scheer 1914 und 1915 gemacht haben…hier entlang, bitte: 1914, 1915

3. Teil: Das Kriegsjahr 1916

Auch in den ersten Monaten des neuen Jahres arbeitet Karl Abel noch in der Mindener Schusterwerkstatt. Er rechnet täglich mit seiner Einberufung: Für einen 19-Jährigen, der längst eine tiefe Abscheu gegen diesen Krieg entwickelt hat, eine schwer erträgliche Situation. Sein Meister kann ihm keine Hoffnung machen, von der Einberufung verschont zu bleiben, dazu ist die Zahl der Kriegsopfer viel zu hoch. Im April erhält Abel tatsächlich den lang erwarteten
Bescheid.

Reinhard Scheer wird im Januar 1916 als Nachfolger des schwer erkrankten Admiral von Pohl zum „Chef der Hochseestreitkräfte“ ernannt. Er will die zögerliche Taktik seines Vorgängers aufgeben und gegen den Gegner nun „sehr viel energischer“ vorgehen. Der Unterstützung einer großen Mehrheit der Seeoffiziere kann er sich dabei sicher sein. Um seine „völlige Unabhängigkeit für die zukünftigen Entschließungen“ zu zeigen, stellt er eine eigene Führungsmannschaft ihm treu ergebener Seeoffiziere zusammen. Sofort nach dieser „Machtergreifung“ lässt er Taten sprechen. Gegen den Widerstand des Reichskanzlers von Bethmann-Hollweg wird der U-Boot-Krieg an der Westküste Großbritanniens wieder eröffnet und die englische Ostküste durch See- und Luftstreitkräfte beschossen.

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Weltkriegs-Ticker: Januar–April 1916

Am 21. Februar beginnt der deutsche Angriff auf Verdun – ganz so, wie von Falkenhayn ihn in seiner „Weihnachtsdenkschrift 1915“ konzipiert hatte. Nach einigen Anfangserfolgen bleibt der deutsche Vormarsch stecken.
Ende März torpedieren deutsche U-Boote den unter französischer Flagge fahrenden Dampfer „Sussex“. Von 325 Passagieren sterben 80, darunter auch viele US-Amerikaner. Nach einer scharfen Protestnote der USA verspricht die deutsche Regierung den Verzicht auf den verschärften U-Boot-Krieg. Im Gefolge dieses Streits zwischen militärischer und politischer Führung wird der langjährige Protege Scheers, von Tirpitz, als Staatssekretär des Reichsmarineamts abgelöst – zum Bedauern Scheers, der ihn nach wie vor als „Persönlichkeit mit genialem Weitblick“ schätzt.

Im Streit um die Bewilligung weiterer Kriegskredite gründen 18 Reichstagsabgeordnete der SPD, die ihre Zustimmung verweigern, eine „sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft“. Einer durch die Mehrheit der SPD-Abgeordneten erzwungenen „Fraktionsdisziplin“ wollen sie sich von nun an nicht mehr beugen. Damit ist die Spaltung in zwei sozialdemokratische Reichstagsfraktionen faktisch vollzogen.

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Am 2. Mai muss sich der junge Schustergeselle Abel beim Bezirkskommando Hannover einfinden. Er tritt „nüchtern“, also ohne Illusionen, ausgestattet mit guten Ratschlägen seiner politischen Freunde den Weg an. Mit rund tausend anderen Rekruten – „wie das Vieh in Viehwagen verladen“ – rollt der Transport vom Güterbahnhof Weidendamm nach Berlin als Nachschub für die Garde-Regimenter. Abel wird mit anderen nach Treptow in die Kasernen einer „Elite-Truppe“, des Nachrichten-Bataillons I geführt. Der 19-Jährige beschließt „Schütze Arsch im letzten Glied“ zu bleiben, auf „Lametta“ und „Heldentod“ legt er keinen Wert. Er will ein verlässlicher Kamerad sein und sich an den Werten der Schutzpatronin der Bergleute orientieren: Treue, Glauben an den Menschen, Liebe, Fröhlichkeit, Kameradschaft, Zuversicht und Brüderlichkeit.

Etwa zur gleichen Zeit, Ende Mai, sieht Scheer – ganz im Sinne der Strategie, einen „Kräfteausgleich durch Erfolge gegen einzelne Teile“ der britischen Flotte zu erreichen – die Chance, ein britisches Schlachtkreuzer-Geschwader zu attackieren. Die gesamte Hochseeflotte verlässt ihre Häfen und dampft in Richtung der Skagerrak-Meerenge zwischen Dänemark und Norwegen. Allerdings haben die Briten deutsche Funksprüche abfangen können, so dass auch die gesamte Grand Fleet ausgelaufen ist, um die deutsche Kriegsflotte vernichtend zu schlagen.

Am 31. Mai treffen 254 Kriegsschiffe zur gewaltigsten Schlacht der Seekriegsgeschichte aufeinander. Am Ende gelingt es Scheer durch mehrmalige waghalsige Kehrtwendungen seiner gesamten Flotte sich der Umklammerung und Vernichtung durch die zahlenmäßig überlegene britische Flotte zu entziehen, im Schutz der Dunkelheit zu entkommen und am 1. Juni wieder in Wilhelmshaven einzulaufen. Den glimpflichen Ausgang der Seeschlacht feiern Scheer und seine Offiziere nach ihrer Rückkehr mit Sekt.

Viele deutsche Schiffe sind zwar schwer beschädigt, aber dank ihrer außergewöhnlich starken Panzerung nicht gesunken. Der Verlust an Schiffen und Personal ist auf britischer Seite deutlich höher. Insgesamt sterben binnen weniger Stunden fast 10 000 Deutsche und Briten. In seinem „Immediatbericht“ an den Kaiser über die Schlacht schreibt Scheer, es könne „kein Zweifel bestehen, dass selbst der glücklichste Ausgang einer Hochseeschlacht England in diesem Kriege nicht zum Frieden zwingen wird“. Er empfiehlt als Konsequenz, sich über alle politischen Bedenken „rücksichtslos“ hinwegzusetzen und den uneingeschränkten U-Boot- Krieg zur Störung des englischen Nachschubs zu führen, denn das U-Boot sei „die gegebene Waffe für den Schwächeren“.

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Weltkriegs–Ticker: Mai–August 1916

Um der Erschöpfung und wachsenden Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung entgegenzuwirken, deutet die deutsche Kriegspropaganda Scheers strategisches Scheitern in der Nordsee zu einem großen Sieg um. Scheer wird als „siegreicher Führer“ und Kriegsheld in allen Presseorganen gefeiert. Die Öffentlichkeit wird mit verherrlichenden Broschüren, Fotos, Bildern und Schlachtengemälden geradezu geflutet.

Die schwindende Kriegsbegeisterung im deutschen Reich zeigt sich in ersten Streiks und bei der Maidemonstration des linken „Spartakusbundes“ in Berlin. Obwohl sie wegen des für die Dauer des gesamten Krieges geltenden „Belagerungszustands“ verboten ist und empfindliche Strafen drohen, nehmen mehrere tausend Menschen unter dem Motto „Brot!Freiheit!Frieden!“ an der Kundgebung teil. Der Hauptredner, der Reichstagsabgeordnete Karl Liebknecht, wird wegen „versuchten Kriegsverrats, erschwerten Ungehorsams und Widerstand gegen die Staatsgewalt“ zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt.

Im Juni beginnen die Briten, unterstützt von französischen Truppen, eine Offensive am Flüsschen Somme in Nordfrankreich. Ähnlich wie bei Verdun gibt es trotz gewaltigen Einsatzes an Material und Truppen in monatelangen Kämpfen kaum Frontverschiebungen.
Wegen der ständig schlechter werdenden Versorgung der Bevölkerung wird im Frühsommer in Berlin das „Kriegsernährungsamt“ eingerichtet. Von nun an werden alle Lebensmittel vollständig rationiert. Allerdings können sich der Adel und wohlhabendere Bürger weiterhin auf dem blühenden Schwarzmarkt versorgen, auf den zum Beispiel bis zur Hälfte aller Fleischvorräte gelangen.

Schon nach rund acht Wochen Ausbildung „als Soldat bei Preußens Armee“, in der ihm beigebracht wird, das Denken und Sprechen den Offizieren und Unteroffizieren zu überlassen, wird Karl Abel zum Kriegseinsatz abkommandiert. Er wird der Front auf dem Balkan zugeteilt und nimmt an den Kämpfen in Serbien und Mazedonien teil. Nach dem Kriegseintritt Rumäniens auf alliierter Seite im August des Jahres gehört er zu den Einheiten, die gemeinsam mit bulgarischen und türkischen Truppen bis zum Dezember in erbitterten Kämpfen die Hauptstadt Bukarest einnehmen und besetzen.

Reinhard Scheer erfährt eine weitere Beförderung: Er wird zum Admiral ernannt. Es folgen die Ehrenbürgerwürde der Stadt Hanau, in der Scheer seine Jugend verbracht hatte, zwei Doktor-Titel ehrenhalber, die Verleihung des Ordens „Pour le Merite“ sowie rund zwanzig weitere Orden und Auszeichnungen. Die von ihm befehligte Kriegsflotte liegt derweil in Reparatur-Docks, in Kriegshäfen, und die Besatzungen sind zu täglichen Routinediensten bei stetig schlechterer Versorgung gezwungen.

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Weltkriegs–Ticker: Oktober – Dezember 2016

Im Oktober und November des Jahres enden die monatelangen Menschenschlächtereien an der Westfront. Die vergeblichen Versuche der Generäle, die Fronten zu verschieben, sind in einem Meer von Blut gescheitert: Rund eine Million Engländer, Franzosen und Deutsche an der Somme und über 750 000 Deutsche und Franzosen bei Verdun sind Opfer der Strategen in den Generalstäben geworden.

Anfang Dezember verabschiedet der Reichstag mit den Stimmen der sozialdemokratischen Mehrheitsfraktion das „Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst“. Es verpflichtet alle männlichen Deutschen „vom vollendeten 17. bis zum vollendeten 60. Lebensjahr“ zum „vaterländischen Hilfsdienst während des Krieges“. Als Hilfsdienst gelten dabei alle Tätigkeiten und Betriebe, „die für die Zwecke der Kriegführung oder der Volksversorgung unmittelbar oder mittelbar Bedeutung haben“. Diese Aufhebung der Freizügigkeit, der Wahl des Arbeitsplatzes und des Streikrechts nennen die Gegner des Gesetzes „die Kasernierung des ganzen deutschen Proletariats“.

Ohne Mitwirkung des Parlaments unterbreitet die kaiserliche Regierung kurz darauf den alliierten Kriegsgegnern ein „Friedensangebot“. Es enthält keinerlei Vorschläge oder Zugeständnisse für mögliche Friedensverhandlungen. Man lehnt aber für den Fall, dass die Alliierten dieses Angebot nicht annehmen, „feierlich jede Verantwortung dafür vor der Menschheit und der Geschichte ab“ und zeigt sich entschlossen, den Kampf „bis zum siegreichen Ende zu führen“.

Die erwartete Ablehnung dieses inhaltsleeren „Angebots“ soll – so spekuliert der Reichskanzler – helfen, die Kriegsmüdigkeit der deutschen Bevölkerung zu überwinden und sie zu „äußerster Kraftanstrengung und Entsagung“ zu motivieren. Die Erfolgsaussichten dieses Schachzugs sind angesichts einer Missernte und der immer spürbareren Auswirkungen der britischen Seeblockade im beginnenden ersten „Steckrübenwinter“ eher gering.

Den richtigen Zeitpunkt für die Intensivierung des U-Boot-Krieges sieht der nun mit viel „Lametta“ dekorierte Admiral Scheer verpasst. Aber als „Sieger vom Skagerrak“ hat er auch politisch an Einfluss gewonnen. Er nutzt diesen, um für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg zu werben. Er stellt in Aussicht, auf diese Weise Großbritannien in einem halben Jahr durch die massenhafte Versenkung von Nachschubschiffen bezwingen zu können und glaubt, auf Drohungen vor einem Kriegseintritt der USA keine Rücksicht nehmen zu müssen. Dies ist eine gewagte Spekulation des bisher erfolglosen, aber gefeierten Seekriegsstrategen und ein politisches Vabanque-Spiel eines „rücksichtslos“ agierenden Admirals.

Karl Abel verbringt das Ende des Jahres fern der Heimat in Rumänien. Er hat erste schreckliche Eindrücke vom Kriegselend sammeln müssen: Er ist in Viehwaggons als unfreiwilliger Soldat durch halb Europa transportiert worden, hat an Kampfeinsätzen teilgenommen, dabei Verletzte, Verstümmelte und Tote gesehen und muss damit rechnen, im neuen Jahr weiter nach Osten an die russische Front verschoben zu werden. Das eigenständige Denken hat er sich als politisch interessierter und kritischer Mensch auch durch die erniedrigende Menschenführung durch Offiziere und Unteroffiziere nicht nehmen lassen. Dennoch wird er sich zeitlebens weigern, seine Kriegserinnerungen niederzuschreiben. Für das Grauen gibt es keine angemessene Sprache.

Bisher hat er überlebt – anders als 36 junge Obernkirchener, die nach diesem mörderischen Jahr an den Fronten nie mehr in ihre Heimatstadt zurück kehren werden.

Ein weiteres Kriegsjahr steht bevor…

Autor: Gerhard Radtke
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