Schütze Arsch und Admiral Lametta – zwei Obernkirchner im Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918)

Schütze Arsch und Admiral Lametta – zwei Obernkirchner im Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918)

Vor 101 Jahr begann der Erste Weltkrieg. Strull & Schluke zeigt am Beispiel zweier Biografien, wie das große Gemetzel in den Alltag der Menschen eingegriffen hat. Beide Männer sind in Obernkirchen geboren und könnten doch unterschiedlicher nicht sein: Karl Abel, Kommunist, und Reinhard Scheer, Flotten-Admiral.
In dieser Folge beleuchtet Gerhard Radtke, wie die beiden durch das Jahr 1915 gekommen sind. 2016 werden wir Abel und Scheer durch das Jahr 1916 begleiten, 2017 durch 1917 und 2018 durch 1918.

Wer vor der 1915er Folge nochmal nachlesen will, was Karl Abel und Reinhard Scheer 1914 gemacht haben…hier entlang, bitte: http://bit.ly/1YfK0Ia

2.Teil: Das Kriegsjahr 1915
Zu Beginn des Jahres 1915 ist der junge Schuhmacher Karl Abel nicht nur zu einem geachteten Facharbeiter in der Werkstatt seines Meisters Theo Dorendorf in Minden gereift, er hat auch sein politisches „Wissen um vieles erweitert“ und kennt nun „die Zusammenhänge zwischen Krieg und Frieden“. Gegen die allgegenwärtige Beeinflussung durch die nationalistische Kriegs- und Durchhaltepropaganda erweist sich Abel als immun.

Zur gleichen Zeit verfasst der neue Flottenchef des mit modernsten Kriegsschiffen ausgestatteten III. Geschwaders der kaiserlichen Kriegsmarine „Denkschriften“ zu einer Handelsblockade und zum Einsatz der neuen, kaum erprobten U-Boote im Seekrieg gegen Großbritannien. Am neuen Kurs der Admiralität, zunächst „keine Entscheidungsschlacht mit der gesamten englischen Flotte suchen, sondern erst Kräfteausgleich durch Erfolge gegen einzelne Teile derselben anstreben“ zu wollen, ist Scheer maßgeblich mitbeteiligt. Er ordnet daher vorbereitende Gefechtsübungen seines III. Geschwaders an, die wegen der großflächigen Verminung der Nordsee in der Ostsee durchgeführt werden.

Weltkriegs -Ticker: Januar bis April 1915
Weil sich die Hoffnungen auf ein rasches, siegreiches Kriegsende nicht erfüllt haben, geht die kaiserliche Regierung nun zu einer systematischen Kriegswirtschaft über. Im Januar 1915 wird Mehl rationiert und die „Brotkarte“ eingeführt. Sie ist der Beginn einer langen Kette von Rationierungen und damit von Hunger und Verelendung der deutschen Zivilbevölkerung.

In der Reichstagsfraktion der SPD wächst die Unzufriedenheit. Mehrere Abgeordnete schließen sich dem Votum ihres Kollegen Karl Liebknecht vom Dezember 1914 an und sprechen sich gegen die Bewilligung weiterer Kriegskredite aus. Im Reichstag verweigern im März 1915 insgesamt 32 Abgeordnete ihre Zustimmung – eine Spaltung der SPD ist nun nicht mehr auszuschließen.

Die Aktionäre großer Rüstungsfirmen und kriegswichtiger Betriebe können sich zur gleichen Zeit über enorme Gewinne freuen. So melden zum Beispiel die Waffenfabrik Mauser AG eine „Rekorddividende“ von 20 Prozent und die Rottweiler Pulverfabriken eine „Superdividende“ von 21 Prozent. Ähnliche Gewinnsteigerungen erwarten auch die „Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken“, die Daimler-Motorenfabrik und viele andere.

Am 10. Februar 1915 begeht Karl Abel seinen 18. Geburtstag. Er muss nun damit rechnen, zum Heer eingezogen zu werden – je höher die Zahl der toten und verletzten Soldaten, desto eher – und hat daher wenig Grund zu feiern. In den folgenden Monaten kann er „fast täglich“ während der Arbeit „das gleiche grausame Schauspiel“ beobachten. Vom Werkstattfenster in der Hufschmiede aus sieht Abel „die neu formierten, feldgrau eingekleideten Formationen“, die vor ihrem Transport an die Front ihren letzten Segen in der Garnisonskirche der preußischen Festungsstadt Minden – der Marienkirche – erhalten. Er wird diese Bilder und die bissigen Kommentare seines alten Meisters niemals vergessen.

Der schon hoch dekorierte Karriere-Offizier Reinhard Scheer erlebt im Februar eine Enttäuschung. Nicht er, sondern Admiral von Pohl wird zum neuen Flottenchef der gesamten kaiserlichen Kriegsmarine ernannt, obwohl viele jüngere Seeoffiziere den aktiveren und offensiver denkenden Scheer bevorzugt hätten. Dennoch wird der U-Boot-Handelskrieg gegen Großbritannien eröffnet, dem Scheer „größte Bedeutung für den Ausgang des Krieges“ beimisst. Der „Kräftezuwachs bei dem nun vollständigen dritten Geschwader“, das ja unter seinem Kommando steht, würde er gern nutzen, „es darauf ankommen zu lassen“, die britische Kriegsflotte „durch eine Seeschlacht zu schädigen.“

Weltkriegs – Ticker: Mai bis September 1915
Die deutsche oberste Heeresleitung erweitert das Waffenarsenal um chemische Kampfstoffe. Ende April wird nach einer Empfehlung und mit Unterstützung des Chemikers Fritz Haber Chlorgas an der Westfront eingesetzt, 3000 britische Soldaten ersticken qualvoll. Durch diesen „Erfolg“ beflügelt liefern sich die kriegführenden Mächte ein „chemisches Wettrüsten“ und setzen immer wirksamere Giftgase ein. Bis zum Ende des Krieges werden die Gasattacken rund 70 000 Tote und hunderttausende verätzte und erblindete Soldaten fordern.

Ende Mai tritt Italien auf Seiten der Entente in den Krieg gegen Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich ein. Die Hoffnungen auf große Gebietsgewinne im Norden und Nordosten Italiens ertrinken nach fünf gescheiterten
Großoffensiven in einem Blutbad.

Die rege Debatte über die deutschen Kriegsziele mündet in ein Annexionsprogramm, das breite Unterstützung bei Industrie- und Bauernverbänden sowie den konservativen und liberalen Parteien findet. Es verlangt „ausreichende Kriegsentschädigungen“ von den Kriegsgegnern, die weitgehende Kolonialisierung Belgiens, die Inbesitznahme der nördlichen französischen Atlantikküste und eines ausreichend großen Teils des „Hinterlandes“ zur „vollen Ausnutzung der gewonnenen Kanalhäfen“ und die „Angliederung mindestens von Teilen“ des Baltikums an der Ostsee „und der südlich davon liegenden Gebiete…“

Die U-Boot-Waffe, auf die der Stratege Scheer so große Hoffnungen gesetzt hatte, wird seit September nicht mehr so eingesetzt, wie er es für erforderlich hält. Nach der Torpedierung des britischen Passagierdampfers „Lusitania“ durch ein deutsches U-Boot im Mai des Jahres waren 1200 Tote, darunter 120 US-Bürger, zu beklagen. Aus Furcht vor einem möglichen Kriegseintritt der USA gegen das Deutsche Reich hatte die deutsche Regierung daher ein Ende des „uneingeschränkten U-Boot-Krieges“ verfügt. Nun dürfen in den Gewässern rund um England und Irland, die das Deutsche Reich zum Kriegsgebiet erklärt hatte, Handelsschiffe der Kriegsgegner und Schiffe unter neutraler Flagge nicht mehr ohne Vorwarnung angegriffen und versenkt werden.

Weltkriegs – Ticker: Oktober bis Dezember 1915
Nach monatelangen Versuchen, die Dardanellen (eine der Meerengen zwischen dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer) zu erobern, geben Briten und Franzosen den verlustreichen Kampf gegen die türkischen Verteidiger und die sie unterstützenden deutschen Offiziere auf. Sie verlegen den Kriegsschauplatz gegen das osmanische Reich in Zukunft auf die arabische Halbinsel. Europa gleicht nach eineinhalb Jahren Krieg einem gigantischen Menschenschlachthaus.

Aber die Militärstrategen aller kriegführenden Länder bereiten für das Jahr 1916 – ohne Rücksicht auf Verluste – neue Offensiven vor. So entwickelt zum Beispiel der deutsche Chef des Generalstabs des Heeres von Falkenhayn in seiner „Weihnachtsdenkschrift 1915“ eine „Blutpumpenstrategie“. Nach ihr sollen die französischen Verteidiger von Verdun so lange und so massenhaft „verbluten“, bis die deutschen Truppen strategische Vorteile erzielt haben. Diese Strategie wird auch die Zahl der getöteten und verletzten deutschen Soldaten in die Höhe treiben. Erwähnung findet diese Konsequenz in Falkenhayns „Denkschrift“ nicht – er kalkuliert sie ein.

In seiner Bilanz des Jahres 1915 vermisst Scheer „ein ernsthaftes Streben“ bei seinen Vorgesetzten, „an den Feind heranzukommen“. Gemeinsam mit seinem früheren Förderer, dem Marine-Staatssekretär von Tirpitz, drängt er mit wachsender Ungeduld zu einer Rückkehr zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg. Er plädiert dafür, sich über „alle Bedenken rücksichtslos hinwegzusetzen“, um den britischen Nachschub empfindlich zu stören. Im „Blutpumpen-Strategen“ Erich von Falkenhayn findet er einen weiteren einflussreichen Unterstützer, wie dessen „Weihnachtsdenkschrift“ zeigt.

Weltkriegs – Ticker: Nachtrag 1915
Im Herbst hat in der Schweiz eine – im allgemeinen Kriegslärm zunächst wenig beachtete – internationale Konferenz stattgefunden, an der prominente Sozialisten aus allen kriegführenden Ländern teilgenommen haben. Sie fordern in ihrer Abschlusserklärung einen „Frieden ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen“ auf der Grundlage des „Selbstbestimmungsrechts der Völker“.

Dieser Forderung hätte der junge Sozialist Abel sicher sofort zugestimmt. Er erlebt in Minden, wie die anfängliche Kriegsbegeisterung immer mehr verfliegt und erwartet am Ende des Jahres 1915 seine Einberufung als junger Soldat in einen Krieg, den er mittlerweile aus tiefster Überzeugung ablehnt.
In seinen Heimatort Obernkirchen werden nach dem Ende des Krieges weitere 36 junge Männer nie mehr zurückkommen, sie sind im Laufe des Jahres an den verschiedenen Fronten zu Tode gekommen. Nicht wenige dieser Kriegstoten wird Abel gekannt haben.

Düstere Aussichten für das Jahr 1916….

Autor: Gerhard Radtke
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